INTERNATIONALES KURZFILMFESTIVAL

10. – 16. OKTOBER 2022

ONLINE UND IM KINO

Thema 2021 //

„Identität” als Thema des Festivals ist aufgrund der Fülle an verschiedenen Definitionen nicht leicht einzugrenzen. Die sich sich in diesem Zusammenhang stellenden Fragen sind jedoch trotzdem immer gleich: Wer bin ich? Was macht mich aus? Wie sehen mich andere? Dabei geht es nicht primär „nur” um die eigene Identität. Sie ist sowohl Individuen als auch Gruppen eingeschrieben, wobei der Begriff als eine sich stets verändernde Größe zu begreifen ist, die unter anderem Ausdruck in der Besetzung bestimmter sozialer Rollen findet. 

 

 

Die zentrale Frage könnte also lauten: „Wie geht der Film mit verschiedenen Identitätsbildern um?“ Als Medium in dem, vorrangig Geschichten erzählt werden ist daher auch primär nach der Rolle der Identität im Kontext derselben zu fragen. Wobei Filme in ihrer Auseinandersetzung mit Realität nicht nur, wie etwa Märchen, die klassische Erzählung von „Gut und Böse” bereit halten. 

 

 

Nein. Film leistet wie kein anderes Medium eine Art Handreichung zur eigenen Identität, indem er uns als Rezipient*innen in unserer persönlichen Geschichte auffängt. Er ist wie eine Art Kuscheltier, der unsere Verluste, Gefühle und Sehnsüchte kompensiert, indem wir in den Geschichten uns selbst wiederfinden. Die Filmerzählung ist, wenn man so will, das Ausfüllen bestimmter Lücken, die sich in das Leben brennen und die gefüllt werden wollen und sei es nur für den Moment. Dabei offenbart sich für den Augenblick des Kinoerlebens eine Welt, in der sich die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit aufzulösen scheinen. Film kann in gewissem Maße zur eigenen Identitätsbildung beitragen. Dabei darf aber ebenfalls nicht außer Acht gelassen werden, dass seit den Anfängen des Films, die westliche Gesellschaft als quasi Inhaber der filmischen Kulturtechnik beharrlich ihr eigenes Selbstverständnis reproduziert. Angefangen bei der stereotypen amerikanischen Vorstadtfamilie, bis hin zu historischen Filmstoffen, die sich insbesondere darin gefallen den Mythos westlicher Werte zu transportieren. 

 

 

Dass es auch anders geht, machen Filme wie “Fight Club” (David Fincher, USA 1999) besonders deutlich. Eine Art Antithese typischer Identitätsbildung vor dem Hintergrund amerikanischer Spießbürgerwelten. Fincher erschuf hier eine Erzählung, die sowohl den Kapitalismus, als auch die stereotypen Konzepte von Männlichkeit hinterfragt. Gefangen in einer identitätslosen Kopie des eigenen Lebens begibt sich der namenlose Protagonist auf die Suche nach seiner eigenen Identität und konfrontiert dabei sich und die Zuschauer*innen mit harten Fragen. Was ist fiktiv und was gesellschaftliches Chaos? Wo endet das eigene Bewusstsein und wie bewusst nehmen wir unsere Welt wahr? Der Film gipfelt in der Erschießung des anderen Ichs des Protagonisten, namens „Tyler Durden”, durch den Protagonisten, der damit nicht nur selbst zu genesen versucht, sondern das Werk seiner dissoziativen Identitätsstörung in der realen Welt rückgängig machen möchte. Was ihm jedoch nicht gelingt. David Fincher zeigt in Fight Club vor allen Dingen, die Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst und der Rückwirkung des Individuums in die Gesellschaft auf der Basis unterbewußter Prozesse. 

 

Dahingegen präsentiert der Film “Billy Elliot – I Will Dance” (Stephen Daldry, UK 2000) eine „Coming of age”-Geschichte, die sich kritisch mit tradierten Geschlechterrollen auseinandersetzt und diese hinterfragt. Der 11-jährige Billy Elliot will gegen den Willen seiner Arbeiterfamilie, dem Wunsch nachgehen, Balletttänzer zu werden. Der Film beschäftigt sich mit Fragen zu Geschlechtsidentität und gesellschaftlichen Rollenbildern. Unter Berücksichtigung des sozialen Umfelds wird hier das Erwachsenwerden an sich, aber auch die Suche nach Berufs- bzw. Lebenspers- pektiven behandelt. Billy durchbricht mit seiner Liebe zum Tanz die im Film vorherrschende Erfahrung seiner Familie und behauptet sich gegen klassische Geschlechterrollen. Er gewinnt seine eigene Identität dabei nicht zuletzt durch den Mut des Tenagers der seinem traditionell geprägten Vater gegenübertritt.

 

Die Monstrale 2021 wird in seinem Themenprogramm diejenigen Filme zu Tage fördern und zur Diskussion stellen, die eben nicht wie hier kurz erwähnt, die westliche Identität und stereotype Geschlechterrollen reproduzieren. Sie begibt sich vor allem auf die Suche nach den besonderen identitätsstiftenden Momenten der Filmerzählung, die gerade auch im Kurzfilm ihre eigene Ausprägung erfahren. Im Sinne der hier erwähnten Filmbeispiele stellt das Festival filmische Positionen vor, in denen die Erfahrung von Ausgrenzung, der Identitätsfindung, oder der Selbstentfaltung im vermeintlichen Chaos der zu strukturierten Gesellschaft durchlebt werden.